Vom Glücksbringer zum Bürohengst

„Über den Wolken…

…muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“; so textete einst Reinhard May. Bei mir endete die Freiheit an den Grenzen des Kehrbezirks 118 am Bremer Stadtrand.

Es war ein Morgen, wie ich ihn sonst immer gemocht habe, die Baumkronen waren vom ersten Frost bedeckt und mein Atem qualmte so wie die Schornsteine der Hansestadt, aber etwas war anders. Für mich war es auf einmal eine Qual, mich aus dem Fenster zu heben und den ersten Schritt auf die vereisten Dachpfannen zu tun. Ich konnte den Ausblick nicht mehr so genießen wie sonst. Der Ruß flog mir in den Mund und somit war mein erstes Frühstück für heute nichtverbrannter Kohlenstoff…lecker. Da wurde mir klar, „Verdammt, ich habe den falschen Beruf angefangen zu lernen“. Super, somit war mein Tag schon um 7 Uhr morgens vor dem ersten Kaffee gelaufen.

Mein Geselle rief mir nur vom warmen Dachboden hoch, „was dauert das so lange, wir haben noch 3 Häuser in der nächsten halben Stunde vor uns.“ Ich packte also meinen Gedanken beiseite und erledigte den Rest der Arbeit um mich abzulenken.

 

Die Berufsschule: Ort der (fehlenden) Bildung

Jeder kennt sie, nicht jeder liebt sie, aber jeder der da war, hat Erinnerungen an sie: Die Berufsschule.

Wer in Niedersachsen oder Bremen den Entschluss trifft, Schornsteinfeger zu werden, muss irgendwann diesen von Legenden und Warnungen umwobenen Ort besuchen.

Der Ort war ein gelber Backsteinbunker in Langenhagen bei Hannover aus den 70er-Jahren. Links das Schul- und rechts das Internatsgebäude, letzteres hatte augenscheinlich seine letzte Renovierung zur Zeit des Asbestverbots in öffentlichen Gebäuden. Trotz der mangelnden Kälte im Sommer und der fehlenden Wärme im Winter, war das Essen meist der einzige Grund nicht durchzudrehen, nach einem sechswöchigen Schulblock im Hochsommer.

Also…es war nicht immer gut, aber wenn der Koch das erfahren hat, gab es die nächsten Wochen keinen Nachtisch.

Meine Klasse war mit den unterschiedlichsten Charakteren gefüllt, einige wurden von Kollegen zu Freunden und bei einer wundere ich mich immer noch, dass sie es überhaupt geschafft hat, ihren eigenen Namen zu schreiben.

Ein Beispiel ihrer überragenden Gehirnleistung: (Frage an den Klassenlehrer) „Ist eine Frau eigentlich 9 oder 11 Monate schwanger?“

Mit ihrem Ruf und ihren „Aktivitäten“ an der Schule, hätte sie die Antwort eigentlich längst selber erfahren müssen…

 

„Ein Schornsteinfeger der nicht säuft…

…ist wie ein Ofen der nicht läuft!“ Dieses Motto wurde von allen Auszubildenden, Meisterschülern und gelegentlich den Lehrgangsunterweisern regelmäßig als Ansporn genutzt und so wurde teilweise an jedem Tag eines vierwöchigen Blocks getrunken. Die einzigen Ausnahmen bildeten die Tage vor Prüfungen und Arbeiten. An diesen Tagen hat dann nur der harte Kern getrunken, die, die wussten, sie schaffen es ganz easy oder die, die wussten, das wird eh nichts.

Man hörte regelmäßig von Schlägereien mit Hannoveranern in der Innenstadt oder spontanen, unfreiwilligen Städtereisen mit der Straßenbahn.

Auch ich saß schon einmal morgens völlig verkatert im Unterricht. Zudem war es üblich zu den Stunden von Lehrern die man nicht mochte, betrunken zu erscheinen. Ich fand mich auch schon einmal leicht angeheitert im Englischunterricht wieder.

 

Nicht vom Winde, sondern vom Regen verweht

Den ersten Arbeitsunfall hatte ich im 2. Lehrjahr. Bei meiner Tollpatschigkeit ist diese Tatsache mehr als ein Wunder.

Es war ein Tag, der eigentlich nicht hätte sein müssen, am Morgen regnete es und danach war alles nass, rutschig und einfach nur unangenehm. Ich stand vor der Tür eines Kunden in einer gut betuchten Ecke meines Bezirkes, zusammen mit meiner, bis dahin treuen, Ausziehleiter. Ich klingelte, der Kunde bat mich rein und ich stapfte schnellen Schrittes hoch zur Terrasse. Diese war verlegt mit einem Holzfußboden und durch den Regen extrem rutschig, was ich bereits beim einfachen Rübergehen merkte. Das war das erste Warnsignal. Das zweite, meine Leiter rutschte mit den Füßen schon leicht weg, aber als treudoofer Auszubildender wie ich nun einmal war, stieg ich trotzdem hoch und es kam wie es kommen musste…die Leiter rutschte unter meinen Füßen weg, auch noch bei der letzten Sprosse.

So fiel ich also die Leiter herunter und sah mein Leben schon an mir vorbeiziehen. Nach einem tiefen Sturz von ganzen 2 Metern, lag ich nun auf dem Boden und dachte mir, „war doch gar nicht so schlimm“. Bei meinem Versuch mich wieder hinzustellen und aufzutreten, schoss ein stechender Schmerz aus dem Oberschenkel beginnend hoch durch meinen ganzen Körper.

Ich ignorierte den Schmerz, bat den Kunden meine Leiter festzuhalten und beendete meine Arbeit. Erst am nächsten Tag habe ich meinem Ausbilder gebeichtet, was passiert ist und durfte mich nach einer kurzen Standpauke zum Thema Arbeitsschutz, alleine auf den Weg zur BG-Ambulanz machen.

Diagnose: Prellung im rechten Oberschenkel und Zerrung im linken Oberarm.

Das Rezept: Eine Woche krankgeschrieben…für meinen faulen Charakter ein kleiner aber doch schmerzhafter Erfolg.

 

Geselle und jetzt?

Du hast den Gesellenbrief also in der Tasche und den Zylinder auf dem Kopf? Super! Und jetzt?

Eine Frage, die sich wohl viele Jung-Gesellen stellen. Ich hatte meine Antwort schon; eine unbefristete Stelle als Schornsteinfeger in einem Bezirk in Rotenburg (Wümme). Ich dachte, ich könnte meine Zukunft dort verbringen. Wie sich später herausstellte…jugendlicher Leichtsinn.

Nach 3 Monaten voller Fehlschläge und Selbstzweifel lag meine Kündigung auf dem Tisch. Der Grund: Mein Chef bekam einen Bezirk in Bielefeld und ich wollte nicht hinterherziehen.

 

Hartz 4 oder was?

Somit war ich am 01.12.2018 das erste Mal offiziell „arbeitssuchend“ gemeldet. Da ich mich vorher informiert habe, konnte ich mich rechtzeitig melden und bekam doch noch Arbeitslosengeld I. In meinem Fall um die 500 € im Monat.

Meine Freude hielt sich trotzdem in Grenzen…es änderte mich.

 

Depression: Mehr als „einfach nur traurig“

Natürlich wurde ich zur besten Zeit des Jahres arbeitslos, zur dunklen Jahreszeit. Eine Zeit in der sowieso viele Menschen eine Winterdepression bekommen. Der einzige Unterschied war, meine hielt länger…

Sie zeigte sich erst durch allgemeine Unlust, das Gefühl des Versagens und, bedingt durch die Arbeitslosigkeit, einem Gefühl der Nutzlosigkeit. Diese ließen sich auch erstmal ganz gut verkraften, denn wer schon einmal eine Ausbildung hinter sich hatte oder sich in einer befindet, kennt diese Gefühle auch ohne Depression. Schwierig wurde es bei den immer häufiger auftretenden aggressiven Ausbrüchen gegenüber anderen, selbst gegenüber meiner Familie und Partnerin. Aber keine Angst, gewalttätig war ich nur zu mir selber und nie gegenüber anderen. Ein Arzt sollte dies später als „Emotionale instabile Persönlichkeitsstörung“ diagnostizieren. Dieser Arzt gab mir dann eine Überweisung zum Psychiater und der gab mir die Diagnosen: „Mittelgradige depressive Episode“ und „Panikstörung“. Zusammengefasst litt ich also unter der Dreifaltigkeit der schieren Freude.

 

Eine Ablenkung?

Ich hatte also eine Menge Freizeit und was macht man, um die Langeweile zu überbrücken bis die Partnerin von der Arbeit zurück ist?

Die Antwort: Sich ablenken. Ich weiß, sehr überraschend, aber die nächste Frage war, wie? Eigentlich ganz einfach; mittlerweile war es April und ich hatte Geburtstag und dementsprechend Geburtstagsgeld. Was also damit machen…?

…Richtig, eine 400 € Spiegelreflexkamera kaufen. Eine der besten (finanziellen) Entscheidungen, die ich bisher je getroffen hatte. Ich hatte wieder einen Lebenssinn, eine Beschäftigung, etwas was mich geistig mehr forderte als das RTL-Mittagsprogramm. Durch YouTube Tutorials habe ich gelernt, wie ich meine Bilder bearbeite und wie ich die Kameraeinstellungen am besten nutze.

Es wurde zum Hobby.

Einige Beispiele gefällig?

 

Erste Fortschritte

Die Suche nach einer neuen Ausbildung musste ich auf eigene Faust erledigen, ohne Hilfe vom Amt. Dieses wollte mich natürlich in ein Arbeitsverhältnis vermitteln, damit ich dem Staat nicht länger auf der Tasche hing…verständlich. Tatsächlich konnte ich sogar eine Arbeitsstelle, erst auf Minijob-Basis, in einer Spedition als Bürohelfer finden.

Ich bewarb mich also per Mail und bekam schon einen Tag später eine Rückmeldung zum Probearbeiten. Ich fuhr also ein paar Tage darauf nach Delmenhorst, wo ich ein Riesengelände und mindestens hundert LKWs erwartet hatte. Die Realität war eher ernüchternd. Wo ich einen gläsernen Kasten mit 5 Etagen erwartete, befand sich stattdessen ein einfaches Einfamilienhaus und das Riesengelände war ein gepflasteter Vorhof, den ein blickdichtes Tor von der Straße trennte. Das Einzige, was auf die Anwesenheit eines Unternehmens hindeuten würde, war ein Schild, leicht verdeckt durch einen Busch, das den Firmenschriftzug trug.

Ich klingelte also und wurde von einer Frau Mitte 50 reingelassen. Wie sich herausstellte, war sie zusammen mit der Chefin die einzigen Mitarbeiter in der Firma. Die Chefin war recht nett und erinnerte mich vom Verhalten ein bisschen an die Wollny-Mutter (das RTL2 Nachmittagsprogramm lässt grüßen). Zudem hatte sie auch eine riesige Schweizersennenhündin. Ungefähr sowas:

Das Traurige war nur, die Hündin war alt und krank. Die Chefin (nachfolgend: Frau S.), hatte einen Termin zur Entfernung eines Tumors angesetzt und der sollte auf meinen ersten Arbeitstag dort fallen.

 

Und euer erster Tag so?

Ich: Grinsend „Guten Morgen.“

Frau S: Telefonierend „Wie war das? Mein Hund ist tot?“

Jap… es passierte genauso Wort für Wort. Nachdem ich mich also schnell auf meinen Platz setzte, bekam das Gesicht von Frau S. auch wieder Farbe und ich erhielt ein dennoch leicht abwesendes Guten Morgen zurück. Aber der Tag wurde noch besser…

Gegen Mittag, nachdem Frau S. ihren Hund vom Tierarzt abgeholt und erstmal im Kofferraum gelassen hat, kam dann auch schon der Tierbestatter. Was es alles gibt

Meine ehrenvolle Aufgabe war es dann, zusammen mit dem Tierbestatter, die Leiche des Hundes aus ihrem Kofferraum raus und in seinen Transporter reinzutragen. Durch ein leichtes Ruckeln beim Anheben hatte sich eines der ausdruckslosen Augen in meine Richtung gedreht und mich angestarrt. Mir wurde sofort für den Rest des Tages flau im Magen. Cool…

Den Blick kriege ich bis heute nicht aus meinem Gedächtnis.

Und euer erster Tag so?

Nutz den Impuls und komm zu Impuls!

Kreativ, ich weiß, danke. Habe ich mir selber ausgedacht.

Während meiner Ausbildungssuche stieß ich auf eine Anzeige, die eigentlich gar nicht hätte da sein dürfen. Die Firma: Impuls Personal GmbH. Spezialisiert auf die Überlassung von Fachkräften im pflegerischen sowie pädagogischen Bereich und zufällig auch der damalige Arbeitgeber meiner Partnerin. Aufgrund der Tatsache hatte ich irgendwann mal bei Gelegenheit in der Niederlassung nachgefragt, ob Ausbildungen angeboten werden. Die Antwort, normalerweise ja, ist aber schon besetzt. Kontakt war also schon einmal vorhanden.

Daher setzte ich mich also an die Bewerbung und schickte sie ab. Es dauerte ein paar Wochen bis ich eine Antwort bekam, wurde aber direkt zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Einen Tag nach dem Termin erhielt ich einen weiteren Termin. Den Termin zur Unterzeichnung des Ausbildungsvertrages…

Ich begann also am 28.10.2019 meine Ausbildung zum Personaldienstleistungskaufmann.

Ich hatte eine Ausbildung und damit eine zweite Chance bekommen, mein berufliches Leben in die Richtung zu lenken, wie sie eigentlich zu mir passte.

 

Mein Ziel war erreicht.

Ein Jahr voller Selbstzweifel, Frust und aufgestauter Wut, man sollte meinen, ich müsste endlich zufrieden mit meinen getroffenen Entscheidungen sein…

Aber… warum kann ich das nicht?

 

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