Mein Leben in zwei Welten

Mein Name ist Sozan Alshaekh und ich gehöre dem Volk der Yeziden an. Meine ursprüngliche Heimat ist der Irak, genauer gesagt, das Dorf Sheika, das im Gebiet der autonomen kurdischen Teilrepublik liegt.

Ursprünglich stammt meine Familie aus dem Shingal, dem Hauptsiedlungsgebiet der Yeziden, dass durch den Überfall des IS zu trauriger Berühmtheit kam.

Mein Großvater „Baba Shaekh Elyas war das weltweite, religiöse Oberhaupt der Yeziden. Meine Mutter Saife, die Dank der Unterstützung meines Opas studieren konnte, arbeitete zuerst als Lehrerin, ehe sie die erste weibliche, yezidische Abgeordnete im Irak wurde, die sich unermüdlich für die Zukunft ihrer Glaubensschwestern und Brüder einsetzte.

Warum ich das erzähle? Weil mir oft das Vorurteil begegnet ein sogenannter Wirtschaftsflüchtling zu sein, also jemand der sich finanzielle Vorteile davon verspricht, in einem anderen Land zu leben. Mal abgesehen, dass dieser Begriff absolut unangemessen ist, denn Eltern, die versuchen ihre Kinder vor dem Verhungern zu retten, sind alles, nur eben nicht irgendwelche Schmarotzer, ist er in unserem Fall geradezu absurd. Wir standen finanziell sehr gut da, waren in der yezidischen Gesellschaft angesehen und akzeptiert.

Das galt für die gesamte Familie und Familien in meiner Heimat sind sehr groß. Ich selbst habe sechs Geschwister und entsprechend viele Neffen und Nichten. Auch viele Freunde und Bekannte gingen in unserem großen Haus ein und aus. Wir liebten unser einfaches, aber erfülltes Leben. Wir verbrachten viel Zeit mit Gesellschaftsspielen, lauschten den Geschichten der Alten und liebten die Gemeinschaft.

Ich besuchte das Gymnasium und stand im Sommer 2014 kurz vor dem Abitur, die ersten Prüfungen waren erfolgreich abgelegt, als sich mein Leben schlagartig veränderte.

Der sogenannte Islamische Staat fiel mit seinen selbsternannten Gotteskriegern in unsere Gebiete ein und versuchte uns alle auszulöschen. Das war nichts Neues, haben wir Yeziden doch in unserer Geschichte schon unzählige Genozide erleben müssen. So auch 2007, als fast 1.000 von uns bei Bombenanschlägen getötet und ebenso viele schwer verletzt wurden. Dieses Mal war aber alles noch viel schlimmer. Bei der Flucht in die Berge verloren viele Menschen ihr Leben. Besonders Babys und Kleinkinder waren den Strapazen, bei über 40 Grad, nicht gewachsen. Es blieb nicht einmal Zeit ihre kleinen Körper zu beerdigen. Das war aber nichts im Vergleich zu denen, denen die Flucht nicht gelang. Die Männer und Jungen ab 14 Jahre wurden separiert. Wenn sie nicht bereit waren zum Islam zu konvertieren, wurden sie getötet. Entweder wurden sie erschossen und in Massengräbern verscharrt oder ihnen wurde die Kehle durchgeschnitten und ihre Köpfe, auf Lanzen aufgespießt, ausgestellt. Hier wurden die Frauen, Mädchen und Kleinkinder an ihren Männern, Brüdern, Söhnen vorbeigeführt in eine schreckliche Zukunft, die für viele heute noch Gegenwart ist. Sie wurden zigfach vergewaltigt, selbst neunjährige Mädchen galten den IS Monstern als vollwertige Ehefrauen, immer wieder an neue Peiniger verkauft. Viele nahmen sich das Leben, Tausende sind noch immer verschollen. Die, die befreit wurden, befinden sich noch immer in den Flüchtlingslagern im eigenen Land, sofern sie nicht zu den Glücklichen gehörten, die durch eine Sonder-Aufnahme Zuflucht in Deutschland fanden. Noch immer leben mehr als 600.000 von uns, das sind mehr als die Hälfte alle Yeziden weltweit, in diesen schlecht ausgestatteten Camps. Ohne jede Hoffnung, ohne jede Zukunft.

Wir hatten insofern Glück. Unsere Mutter organisierte die Flucht nach Deutschland. Wir bekamen Asyl und arbeiten seitdem an unserer Zukunft. Meine Schwestern und ich machen eine Ausbildung, die Brüder arbeiten. Ich fühle mich wohl in Deutschland, liebe Oldenburg. Wir fühlen uns hier sicher, freuen uns, unseren Glauben ungestört praktizieren zu können, mögen die Freiheit und die wirklich vorhandene Demokratie. Hier entscheiden keine Beziehungen oder wer am meisten für einen Termin zahlt, sondern hier existieren Regeln, die versuchen alle möglichst gleich zu stellen. Was mich manchmal ein wenig aufregt ist die, aus meiner Sicht, zu starke Bürokratie. Natürlich gab es Eingewöhungsschwierigkeiten. Das Lernen einer neuen Sprache, die vielen Amtsbesuche und Anträge. Wir kannten keinen ÖPNV und keine Mülltrennung, aber wir haben uns schnell und gut integriert.

Ich hoffe, hierbleiben zu können. Im nächsten Jahr muss ich meinen Aufenthalt verlängern, ob dies gelingt, weiß niemand vorher.

Verfolgt werden wir seit Jahrhunderten, weil wir keine sogenannte Buchreligion sind. Unser über 4.000 Jahre alter Glaube wird nur mündlich weitergegeben. Wir sind der wohl älteste monotheistische Glaube der Welt. Wir glauben an den einen Gott, der bei uns Xode heißt. Anders als im Juden-, Christentum und im Islam gibt es bei uns keinen Gegenspieler. Wie könnte Gott auch zulassen, dass es ein zweites mächtiges Wesen neben ihm gibt. Bei uns ist der Mensch alleine verantwortlich für sein Handeln. Gott hat ihm den Verstand gegeben, das Falsche vom Richtigen zu unterscheiden. Wir sind friedliebend, wollen und dürfen niemanden missionieren. Man kann nicht zum Yezidentum konvertieren. Und wir denken an andere, so heißt es in einem unserer wichtigsten Gebete „Gott schütze zuerst die anderen 72 Völker und dann uns“. Dieses Gebet haben wir sogar während des Genozides immer wieder gesprochen. Ich könnte noch so viel von unserem schönen Glauben erzählen, will es aber hier und jetzt nicht zu sehr vertiefen.

Es ist ein sehr komplexes Thema, das sicher nur sehr wenigen Deutschen und in Deutschland lebenden Menschen bekannt ist. Deshalb war ich sehr überrascht, dass es mit „Die Schwester im Jenseits“ einen Kriminalroman gibt, der sich so intensiv mit dem Yezidentum befasst

Das Buch “ Die Schwester im Jenseits“

Als ich das erstmal davon hörte, konnte ich es nicht glauben. In diesem Buch schreibt der Autor Andree Hesse über Yeziden. Das Besondere: dieses Buch wurde bereits 2008 geschrieben, also lange Zeit vor dem Genozid, durch den IS, 2014 -der unser Schicksal einer großen Öffentlichkeit bekannt machte. Ich sage „unser“, denn ich gehöre zu diesem Volk.

Ich war also begeistert, dass es ein solches Buch gibt und habe es mit großer Vorfreude, aber auch Skepsis, gelesen. Kann ein Deutscher, ein Christ, wirklich so genau über ein so kleines Volk schreiben und echte Fakten in einem Roman unterbringen? Die Antwort: Herr Hesse kann es. Das zeigt sich sogar schon im Titel, denn „die Schwester im Jenseits“ hat bei uns eine hohe religiöse Bedeutung.

In spannender Art und Weise beschreibt der Autor in seinem Kriminalroman zwei Handlungen, die zeitlich weit auseinanderliegen. Zum einen geht es um einen Mord an einen jungen Yeziden, der Mehmed Dumman heißt. Als die Polizei Drogen in seinem Auto findet, fällt ihr Verdacht gleich auf das Drogenmilieu, denn schließlich war er erst vor kurzer Zeit, wegen BTM Delikten, aus dem Gefängnis entlassen worden. Nur wenig später verschwindet der angesehene Arzt „Dr. Al Tahir“, der angeblich aus dem Libanon stammt.

Darüber hinaus gibt es immer wieder Rückblicke in das Jahr  1987 im Nordirak. Hier lebt die kleine Nasira, deren Vater schon lange tot ist. Nun stürmen jedoch auch noch Soldaten ihr Dorf und erschießen die geliebte Mutter vor ihren Augen. Sie muss mit dem Onkel fliehen. Eine beschwerliche Flucht, durch das Gebirge und Wüste, auf der sie auch noch die ganze Zeit ihre kleine Schwester tragen muss.                                                                                                                             

Immer wieder geht der Blick zurück zu Nasira, die eine kurdische Freiheitskämpferin wird und mit beiden Taten in Verbindung steht. Warum und wieso wird erst am spannenden Schluss klar.

Ganz nebenbei erfährt man noch viel Persönliches über den ermittelnden Kommissar Arno Hennings und Ronahi Duman, die Schwester des Toten, von der Hennings sehr fasziniert ist.

Neben einem sehr spannenden Roman, der auch auf viele politische Fakten eingeht, so spielen auch Rechtsradikale eine Rolle, überzeugt Hesse mit sehr genauem Detailwissen über die Yeziden, Kurden und ihre damalige Lage im Irak.

Wusstet Ihr vor 2014 etwas über Yeziden beziehungsweise könnt Ihr jetzt was mit dem Begriff anfangen? Würdet ihr gerne mehr über unsere Kultur und unseren Glauben erfahren? Interessiert Euch, welche Probleme das Leben in zwei Welten mit sich bringt?
Schreibt mir gerne, ich würde mich freuen, mich mit Euch austauschen zu können.

bis bald
Eure Sozan Alshaekh

 

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